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Guerilla Gardening

Hinterhöfe, Verkehrsinseln, Häuserwände – nichts bleibt vor den selbsternannten „Kriegern“ des Guerilla Gardening verschont. Ihr Ziel: das graue Stadtbild wieder aufblühen lassen und damit ein politisches Statement setzen. Was vor mehr als 40 Jahren in den USA begann, bekommt in den letzten Jahren auch in Deutschland großen Aufwind. Was diese Bewegung ausmacht und wie diese zum weltweiten Trend wurde, lesen Sie hier.

Von den ersten Guerillos in New York zum globalen Trend

Unauffällig kleine mit Samen gefüllte Tonkugeln (auch Seedbomb oder Samenbombe) in triste Grünsteifen werfen oder nachts mit Pflanzen und Gartenwerkzeug bewaffnet ganze Brachflächen in ein buntes Blütenmeer verwandeln – das ist Guerilla Gardening. Ob Gemüsebeete zur Selbstversorgung oder bunte Farbtupfer an Straßenecken, die Natur zurück in die zu Betonwüsten verkommenen Städte zu bringen, ist das erklärte Ziel der Guerillos. Spaten statt Schwerter, Samenbomben statt Handgranaten. Was hier als Untergrund-Kleinkrieg so martialisch beschrieben ist, ist letztlich nur Ausdruck eines friedlichen Protests gegen die fortschreitende Betonierung des städtischen Raums.

Rückt man den politischen Leitgedanken der Vereinigung in den Fokus, kann man die Anfänge des Trends bereits Ende der 1960er in den USA beobachten. Denn dort, wo die Universität Berkeley ursprünglich Sportplätze und Studentenwohnheime plante, setzten sich 1968 Studenten zur Wehr und begannen die Brachfläche zu einem Park – dem People’s Park – umzugestalten. Ein Protest, der schnell viele Anhänger fand, aber letztlich blutig niedergeschlagen wurde. Da sich der Widerstand jedoch nie vollständig brechen ließ, knickte die kalifornische Stadt Berkeley ein und erklärte das Areal letzten Endes tatsächlich offiziell zum Park.
Das Guerilla Gardening in seiner jetzigen Form geht jedoch erst auf die frühen 1970er Jahre zurück. Denn große Teile New Yorks glichen in diesen Tagen einer von Bandenkriminalität und leerstehenden Häuserruinen geprägte Betonwüste, in der die Natur nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen schien. Eine Gruppe junger Leute um Liz Christy – die sogenannten Green Guerillas – hatten sich daher auf die Fahnen geschrieben, dem grauen Manhattan seine Nutzpflanzen und Blüten zurückzugeben.

Neben dem Wunsch der urbanen Selbstversorgung und auch ästhetischen Gründen, steht hinter dem Begrünen der grauen Städte auch heute noch der Ausdruck von politischem Protest. Vielfach ist es vor allem umweltpolitische Kritik, die sich in den Pflanzaktionen äußert. Insbesondere die Agrar-Industrie mit ihrer forcierten Gen-Technik und wachsenden Monokulturen soll durch die „Attentate“ auf Brachland und Beton angesprochen und angeklagt werden.
Einer der bekanntesten Aktivisten ist Richard Reynolds, ein britischer Autor der zu dem Thema sogar ein Buch veröffentlicht hat.
Große mediale Aufmerksamkeit, aber auch viel Kritik erzielte zu Beginn des Jahres 2000 eine Guerilla-Aktion auf dem Londoner Parliament Square, bei dem Umweltaktivisten und Globalisierungskritiker mit der Forderung, „die Straßen zurückerobern“ zu wollen, den Platz besetzten und begannen zu bepflanzen. Dass das Ergebnis mehr Zerstörung als nachhaltige Bepflanzung zur Folge hatte, brachte die ansonsten als gewaltfrei geltende Organisation schwer in Verruf.
Einer der bekannteren und größeren Aktionen von Guerilla Gardening in Deutschland fand statt, als im Oktober 2010 Gärtner der Naturschutzorganisation Robin Wood und Stuttgart 21-Gegner den Stuttgarter Schlossgarten mit dutzenden neuen Bäumchen nachts wiederaufforsteten. Eine Vielzahl von alten Bäumen wurde Wochen zuvor im Zuge der Bauarbeiten für den neuen Stuttgarter Tiefbahnhofs trotz Protesten gefällt.

Die Kehrseite der gutgemeinten Aussaat

Obwohl im Namen der Natur Beton- und Brachflächen der Krieg erklärt wird, haben nicht alle Guerillos gleichzeitig ein ökologisches Bewusstsein für die heimische Stadtökologie. Und das wird von Stadtbotanikern und anderen Guerillos immer wieder bemängelt. Denn oft wird – wider besseres Wissen – wild darauf losgesät und gepflanzt ohne dabei die bereits bestehende Flora und Fauna im Blick zu haben. Die Bemühungen bringen dann zwar Pflanzen zurück in die Stadt, können aber dem fragilen Ökosystem letztlich mehr schaden als nützen.
So verdrängen beispielweise ausgesäte oder gepflanzte Neophyten (d.h. gebietsfremde Arten oder Invasoren) unsere heimischen Pflanzenarten mehr und mehr. Dies wiederum hat auch Konsequenzen für Insekten, wie Bienen, die dadurch nicht mehr genügend heimische Wildpflanzen vorfinden. Auch wird bei den Guerilla-Unternehmungen oft gut gemeint zu viel Dünger und Pflanzenschutzmittel als Starthilfe für junge Pflänzchen in die Umwelt gebracht. Nicht nur ein großes Problem für viele Nützlinge und andere Tiere; das Zuviel an diesen Mitteln kann letztlich auch ins Grundwasser gelangen und so Gefahren für den Menschen bergen.

Aus Guerilla Gardening wird Urban Gardening

Neben der Tatsache, dass das unkontrollierte und ökologisch nicht durchdachte Guerilla Gärtnern auch negative Folgen für die Umwelt haben kann, sollte nicht ungenannt bleiben, dass es sich hierbei stets um illegale Unternehmungen handelt. Denn Guerilla Gardening mit seinen oft nächtlichen und heimlichen Pflanzaktionen – im Fachjargon digs genannt – ist ohne die Zustimmung des Grundstückseigentümers eine Straftat und der Guerillo kann wegen Sachbeschädigung belangt werden.
Oft sehen Stadtverwaltungen zwar von einer Strafverfolgung ab und lassen die Guerillos gewähren – weil klamme Stadtkassen das Geld weder für eine eigene umfangreiche Stadtbepflanzung noch für jede einzelne Strafverfolgung gar nicht erst hergeben. Nicht selten werden aber die Resultate der illegalen Aktionen oder Moosgraffitis von der Stadtreinigung trotzdem wieder entfernt. Finden diese Aktivitäten nicht auf öffentlichem Grund, sondern einem brachliegenden oder leerstehenden Privatgrundstück statt, ist die Wahrscheinlichkeit, dafür belangt zu werden, gleich sehr viel höher und es kommt unter Umständen noch dazu, dass mit Betreten des Areals auch noch Hausfriedensbruch begangen wird.


Vielfach gibt es aber auch Ansätze, das illegale Stadt-Gärtnern zu legalisieren. Dieser als Urban Gardening bekannte Trend hat sich mehr oder weniger aus dem Guerilla Gardening entwickelt und sich aus dessen Illegalität emanzipiert. Der Unterschied zwischen beiden Formen ist letztlich nur der rechtliche Status, der politische und ökologische Antrieb hingegen zumeist der gleiche. Nicht umsonst gelten Liz Christy und Ihre Unterstützer heute nicht nur als die geistigen Mütter und Väter der Guerilla Gardening-Bewegung, sondern vor allem der community gardens (d.h. von der Stadt genehmigte oder ohnehin privat geführte urbane Gemeinschaftsgärten). Teilweise wird die Pionierleistung der Gruppe noch immer hochgeschätzt und die in den Straßen und brachliegenden Grundstücken New Yorks errichteten Gärten von der Parkverwaltung New Yorks betreut.

Von Urban Gardening ist also dann die Rede, wenn zum Beispiel Stadtverwaltungen oder Privatpersonen Brachflächen, Hausdächer und andere Flächen zur Begrünung oder Bewirtschaftung offiziell freigegen haben. Auch Baumscheiben, also die Flächen um einen gepflanzten Baum an Straße oder Gehweg, werden so für Gartenpiraten freigegeben. Eine Trendwende in mancher Lokalpolitik, die sich in letzter Zeit in vielen Städten weltweit beobachten lässt. Auch hierzulande erkennen immer mehr Stadtverwaltungen, dass die ökologisch bewusste und verantwortliche Bepflanzung seitens der Bürger letztlich der Stadt nur zugutekommt und daher gefördert werden sollte. Städtisches Gärtnern, als legale Form des Guerilla Gardenings, wird daher seitens mancher Stadtverwaltung mit finanziellen Mitteln und Freiflächen unterstützt. Zum Beispiel das Projekt Grünpaten der Green City e.V., die in Kooperation mit der Landeshauptstadt München engagierte Bürger mit ins Boot holt, um die Stadtteile zu verschönern. Man kann Pate werden für die Grünstreifen vor der Wohnungstür oder dem Geschäft und diese gestalten.
Einen guten Kompromiss hat auch die Stadt Zürich gefunden, indem Sie den Nutzen der Bepflanzung für sich entdeckt hat und im Geist des Guerilla-Gärtnerns Wildsamen an Ihre Bürger verteilte, die diese in der Stadt aussäen sollten. Ein kluger Schachzug, hat der Bürger doch die freie Wahl ob und wo er eine Bepflanzung für notwendig hält. Gleichzeitig hat die Stadt mit der Wahl der Saat eine gewissen Kontrolle über die Aussaat und verhindert so, dass das Ökosystem der Stadt gestört wird.


Haben auch Sie schon einmal Guerilla Gardening in Ihrer Stadt entdeckt?
Und was halten Sie davon - Vandalismus oder sinnvolle ökologische Eigeninitiave? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!


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